Wird Long-Covid überschätzt?

Von jeder durchgestandenen Krankheit müssen wir uns erholen. Das gilt in unterschiedlichem Maße für die kleineren Malaisen wie Erkältungen, aber auch für alle anderen Krankheiten und Verletzungen. Schon nach einer echten Grippe sind wir noch etliche Tage schlapp, müde und vielleicht unkonzentriert. Diese Rekonvaleszensphase kann nach sehr schweren Erkrankungen auch Wochen und Monate dauern. Manchmal entstehen sogar Körperschäden, die nicht mehr heilen.

Nach einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus können solche Kurz- und Langzeitfolgen die gesamte Bandbreite hinsichtlich der Gravidität annehmen. Dazu zählen unter anderem Abgeschlagenheit (Fatigue), Schlafstörungen, Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen, Schwindel, Hörprobleme, Missempfindungen und Verlust des Riechsinns (Anosmie), reduzierte Konzentration, Husten, Hautirritationen sowie Durchfall und Verstopfung.

Diese Symptome können jedoch auch viele andere Ursachen haben. Denn die meisten dieser Beschwerden sind „unspezifisch“ und daher – nicht nur bei Covid-19 – oft schwer zuzuordnen. Einige, wenn nicht alle, der Symptome unterliegen schließlich auch psychosomatischen Ursachen wie einer pessimistischen Erwartungshaltung. Das gilt insbesondere für das Fatigue-Syndrom. Ein Mensch kann sich möglicherweise dadurch abgeschlagen und kraftlos fühlen, weil er nach einer Covid-19-Erkrankung mit Langzeitfolgen rechnet. Ob und inwieweit dies der Fall ist, wollten französische Wissenschaftler in einer Studie klären.

Spätfolgen beruhen nicht immer auf der Covid-Infektion

Die Arbeit stammt von Forschern am Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale unter der Leitung von Prof. Dr. Joane Matta. Auf rund 200.000 Freiwillige (CONSTANCES Kohorte) können die Wissenschaftler für einzelne Analysen zurückgreifen.

26.823 der Freiwilligen um 50 Jahre konnten sich selber mit einem Antikörper-Test auf eine zurückliegende Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus hin kontrollieren. Dann sollten sie Angaben über die oben genannten Symptome machen. Diejenigen, die vorher eine durchgemachte Infektion mutmaßten, lagen damit zu rund 50 % falsch (461 von 914). 638 der Teilnehmer mit positivem Antikörper-Test hätten eine durchlebte Erkrankung nicht für möglich gehalten.

Laut der Analyse war alleine die Annahme der Infektion für die Wahrnehmung von Beschwerden verantwortlich (Odds Rato: 1,39 bis 16,37 – Hypothese sehr wahrscheinlich richtig). 13,8 % der Menschen, die nie mit dem Virus infiziert, aber davon überzeugt waren, litten beispielsweise am Fatigue-Syndrom. Die Teilnehmer ohne die Annahme, infiziert zu sein, gaben nur 3,8 % an, an Abgeschlagenheit zu leiden.

Die Zahlen sehen bei den tatsächlich Infizierten ganz ähnlich aus. 12,6 % von ihnen gaben an, schwach und müde zu sein, wenn sie eine Infektion vermuteten. Nur 2,6 % derjenigen, die das nicht glaubten, litten am Fatigue-Syndrom. Lediglich ein Symptom war in der Untersuchung nicht der eigenen Überzeugung unterworfen: Die Anosmie.

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass die unspezifischen Beschwerden im Nachgang einer SARS-CoV-2-Infektion nicht unbedingt mit der Erkrankung zu tun haben.

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